Das Löwenrudel – eine Organisationsfabel …

Autor Jan Hohe, Lübeck

Dem Löwenrudel ging es ziemlich gut. Es hatte ein tolles Revier mit einem Wasserloch und haufenweise Gazellen, die es jagen konnte. Selbst die Trockenzeit konnte das Rudel ganz gut überstehen. Es hatte ausreichend Nachwuchs und wurde daher mit der Zeit immer größer. So groß, dass ein Löwe die gute Idee hatte, die Aufgaben besser aufzuteilen und so effizienter beim Jagen zu sein …

… Fortsetzung

Gesagt getan. Der Löwe wurde (er war auch nebenbei einer der besten Jäger) zum Cheflöwen befördert. Nun setzte er sich im Morgengrauen mit den anderen Löwen zusammen und teilte den anderen Löwen die von ihm definierten Aufgaben zu und plante die Jagd. Jeder Löwe hatte nun eine feste Spezialaufgbabe, die er bei der Jagd ausführte. Ziel war es, auf allen Positionen die am besten ausgebildeten und erfahrensten Löwen zu haben. Es gab nun einen Erschrecklöwen, dessen Spezialität es war, die Gazellen aufzuschrecken. Einen spezialisierten Jagdlöwen, der sehr schnell war und hinter den Gazellen her rannte. Außerdem gab es einen Protokolllöwen, der das Treiben beobachtete und notierte. In der Mitte stand der Cheflöwe, der zackige Anweisungen an die anderen in die Runde brüllte.

So gut man aber auch plante, es gelang nicht recht. Die Ausbeute war schwächer als vorher. Es gab plötzlich Probleme, die man vorher nicht kannte. Aus irgendwelchen Gründen, die sich keiner erklären konnte, lief die Gazelle praktisch nie so, wie es geplant war. Zum Beispiel lief sie völlig ohne Absprache in Richtung Protokolllöwe. Der war aber gar nicht dafür eingeplant, die Jagd aufzunehmen. Eifrig notierte er für das nächste Planungstreffen im Morgengrauen, dass die Gazelle direkt an ihm vorbei gelaufen ist. Auf die Frage, warum er denn nicht einfach die Gazelle geschnappt hat, antwortete er, dass er dafür ja nicht eingeplant gewesen sei. Außerdem stünde das nicht in seiner brandneuen Tätigkeitsbeschreibung. Wenn er ehrlich war, musste er auch zugeben, dass er gar nicht mehr genau wusste, wie man jagte. Hatte er ja schon ziemlich lange nicht mehr gemacht.

So lief es tagein tagaus. Mal lief die Gazelle am Protokolllöwen vorbei und dann am Erschrecklöwen. Beide konnten nicht mehr jagen. In der toten Zeit, wo die beiden nicht gebraucht wurden, setzten sie ihre Fähigkeiten bei anderen Gruppen ein. Das führte allerdings öfter dazu, dass wenn die Gazellen aufgeschreckt werden sollten, der Erschrecklöwe gerade in der anderen Gruppe auf seinen Einsatz wartete. Oder noch schlimmer, dass der Jagdlöwe kurz vor erreichen der Gazelle plangemäß in die andere Gruppe wechselte. Die Beute reichte einfach nicht mehr. Und es war klar. Man müsste etwas ändern.

Und es war auch allen ziemlich schnell klar was. Man plante einfach nicht gut genug! Nun nahm man sich die doppelte Planungszeit und dadurch konnte man nicht mehr jeden Tag jagen. Die Löwen wurden schlauerweise in der Zeit eingeteilt, ihre Fertigkeiten zu verbessern. Der Protokolllöwe lernte noch schneller und besser zu schreiben und der Erschrecklöwe übte an Büschen und Bäumen noch besser zu erschrecken. Als das auch nicht half, und immer weniger Gazellen gefangen wurden war es schließlich klar, woran es liegen musste. Es mussten mehr Löwen her!!

Es wurden andere Löwen aus anderen Rudeln abgeworben und neue Führungslöwen eingesetzt. Dadurch stieg natürlich der Bedarf an Gazellen. Aber es wurden trotzdem immer weniger gefangen. Das Gute daran war, dass es regelmäßige, ausschweifende Parties gab, wenn der Plan von allen Beteiligten ganz exakt und in der richtigen zeitlichen Abfolge durchgeführt wurde. Darauf waren natürlich alle sehr stolz und die beteiligten Löwen erhielten ein großes Lob vom Cheflöwen. Dummerweise wurden diese Parties oft ohne Essen gefeiert, weil trotz perfekt erfülltem Plan keine Gazelle gefangen wurde. Die war meist schon früh über alle Berge, trotzdem lief der Jagdplan weiter bis zum Ende wie ein geöltes Uhrwerk und darauf war man natürlich zu recht stolz!

Am Horizont waren neue Löwenrudel zu sehen, bei denen es anders ablief. Während das alte Löwenrudel noch plante, waren diese Rudel schon auf der Jagd. Sie probierten Dinge aus und reagierten spontan, je nachdem, wie die Gazelle sich bewegte. Es gab auch eine Aufgabenteilung aber jeder Löwe konnte sowohl erschrecken, Protokoll schreiben und jagen. Keiner war so richtig perfekt in den einzelnen Tätigkeiten, aber am Ende gab es immer etwas zu essen auf dem Tisch. Sie kommunizierten viel und riefen sich gegenseitig zu, wenn eine Aufgabe von einem anderen Löwen übernommen werden musste. Sie waren eine autonome Gruppe. Das alte Rudel suchte Vergebens die Person, die dem Rudel die genauen Anweisungen gab. Das konnte doch unmöglich funktionieren! Das musste doch im Chaos enden bzw. darin, dass sich die Löwen einfach unter einen Baum auf die faule Haut legten. Aber nichts dergleichen geschah. Es fiel eher auf, dass im neuen Löwenrudel jeder im Wechsel mal Lehrer und Schüler war. Je nachdem wo die jeweiligen Stärken lagen. Man hatte Respekt vor diesen Stärken des anderen und war neugierig auf das, wie die anderen Löwen die Aufgaben lösten und versuchte daraus zu lernen. Jeder im Rudel konnte sich auf den anderen verlassen und das führte zu Vertrauen. Man wusste, dass jeder sein bestes geben würde, um die Gazelle zu fangen und nicht den eigenen Interessen den Vorrang zu geben.

Das alte Löwenrudel musste schließlich das Wasserloch an das neue Rudel abgeben.